Wohin in Wien

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Die Goldenen Zitronen

Wann:

  • Fr 5. Apr, 20:30

Wo:

Flex, Am Donaukanal, Abgang Augartenbrücke, 01. Innere Stadt Landkarte anzeigen

Altersbeschränkung:

Alle Altersklassen

Ticket Information:

Haltung zeigen gilt heute als zentrales Merkel für politische Popkultur. Waren wir
da nicht schon einmal weiter? Fanden wird nicht irgendwann mal bloß Haltung
zeigen zu ausgelutscht? Zu ausbeutbar, zu umdeutbar in ein Just-Do-It-
Rebellentum? Heute, wo sie selbst im tropischen Brasilien, einst Traumland der
Globalisierungskritiker_innen, einen Rechtsradikalen zum Präsidenten wählen,
greifen wir wieder instinktiv in die Schublade, dahin, wo die guten alten
Haltungen lagern. Und die bewährten Genres gleich daneben. Wir halten sie vor
uns her wie Schutzschilde. Bella Ciao – komm, wir wärmen uns am alten
Partisanenlied! Komm, wir singen Antifa-Stadionpunkrock wie früher!
Rebellischer Reggae und Hiphop, hoch die Faust, da wissen wir wenigstens, wo
wir dran sind. Ein verrauchtes Honky-Tonk-Piano erklingt: "Komm Joe, mach die
Musik von damals nach!" So heißt es in Brecht's Dreigroschenoper, die Goldenen
Zitronen zitieren das. Schon auf einer ihrer früheren Platten (ich weiß nicht mehr
welche) haben sie sich beschwert, warum es immer "Nazis raus!" heißt, wo doch
jeder weiß, dass die Nazis hierher gehören.

So sind die Goldies. Immer voll drauf mit den Waffen der Kritik. Sezieren,
aufspießen, Widersprüche polieren. Nörgel, nörgel, mecker mecker. Vielleicht
sind die Goldies nach wie vor eine Punkband, aber wenn dem so ist, dann ist
Punk eine Haltung, die Haltungen (musikalische, inhaltliche) sucht, die es noch
nicht gibt. Bei den vergangenen Platten war diese Suche gerne ein kollektives
Unterfangen, die Songs entstanden in Jams und gemeinsamen Debatten. Auf
"More Than a Feeling" sind die Goldenen Zitronen arbeitsteiliger vorgegangen,
eher so wie zeitgenössische Hiphop-Produktionen entstehen. Acid, DAF, Ernst
Busch, Kendrick Lamar, Punkrock, Störgeräusche, Experimente mit Sequencer
und Drummachines: Die Goldies äußern sich immer so, wie es bisher niemand
gemacht hat, musikalisch und inhaltlich. Sie interessieren sich für "das schwer
Benennbare", wie es in "Die alte Kaufmannsstadt, Juni 2017" heißt, ein Stück,
das die Geschichte des G20-Spektakels in Hamburg erzählt. Die Goldenen
Zitronen haben während der G20-Proteste zur Eröffnung der linksautonomen
"Welcome to Hell"-Demo gespielt. Denn "the wealth of the few is hell to the
others", so erklären sie es, ohne sich die Kritik der "Rollenfestspiele" zu
versagen: "Wie meist bei solchen Anlässen war nicht klar ob diejenigen, die hier
diesen Kampf in symbolträchtigen Bildern ausagierten auch wirklich verständlich
sind für die Verdammten dieser Erde,für die sie bei solchen Anlässen ja immer zu
sprechen glauben / Die Gesichter die man hinter den schwarzen Kapuzen und Sonnenbrillen sehen konnte waren weiß und meistens männlich." Die Gesichter
der Goldenen Zitronen sind auch weiß und meistens männlich, aber immerhin
ziehen sie sich ab und an mal die Schuhe von anderen Leuten an. Wie zum
Beispiel in "Es nervt", mitgeschrieben und gesungen aus der Perspektive einer
schwarzen Person, die das Verhalten weißer Linker reflektiert, im Original ein
Stück von Schwabinggrad Ballett & Arrivati, deren Sängerin Latoya Manly-Spain
hier als Gast singt: "Wir, das edle Objekt of your projections, Protagonistinnen
euer Schlachtengemälde / Solange wir nicht das Falsche sagen und euch
enttäuschen mit falschen Vorwürfen und Undankbarkeit".

"Ohlalalala" singen die Goldies auch, aber dann gleich: "Sehe ich Dunkles hinter
deiner Tür / Ich bin da, ich helfe dir". Spielt "Nützliche Katastrophen" im Kopf
von Caligula? In dem von Björn Höcke oder Viktor Orban? oder von Boris
Johnson ? Geht's hier um die tot geglaubte Wiederkehr von populistischer
Feindbildproduktion zum machtpolitischen Selbstzweck? Oder seh' ich mich noch
auch ganz gerne in der Trotzdem-alles-im-Griff-Rolle? Diese beunruhigende
Gewissheit, dass das Private politisch ist, liegt oft unter den Texten der Goldenen
Zitronen. "Ich weiß jetzt das du Angst hast vor Veränderung / Obwohl du gern
nach Teneriffa fliegst", heißt es in "Bleib bei mir" (feat. Sophia Kennedy). More
than a feeling eben. Selbst ein retro- und funmäßig daherkommender Song wie
"Das war unsere BRD" bringt einen ganz schön zum Grübeln: "Aufkleber, die die
Gesinnung klären", "Polizisten im Safarilook", weißt du noch, Schatz? Aber waren
wir damals besser dran? Was heißt überhaupt "Wir"? "More than a Feeling" ist
nicht zuletzt auch eine Sammlung von verzweifelten Spottliedern, also Songs, bei
denen du nicht recht weißt, ob nicht die Verzweiflung über das Verspottete den
Spott noch durchdringen lässt. Wie in "Mauer bauen" zum Beispiel, wo sich die
Goldies fragen, was eigentlich mit "Volk" gemeint ist: "Meinen sie damit, dass sie
um die Nasen die sie tragen wollen, dass sie um die Musik die sie hören wollen,
um die Autos die sie fahren wollen, um die Schweine die sie essen wollen, um die
Schritte die sie marschieren wollen etwas herum bauen wollen, um nur „ihr wir“
sein zu können?" Irre ich mich, oder gab es je auf einem Album der Hamburger
Band so viele "Hä?", "What?" oder "Was?"-artige Ausrufe gleich im
Eröffnungsstück "Katakombe"? Nicht immer gleich die Haltung aus dem Schrank
holen. Erstmal verstehen wollen, was eigentlich abgeht.
Christoph Twickel, November 2018

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